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Hüfners Wochenkommentar: China-Hysterie

26. August 2015. MÜNCHEN (Assenagon). Ist China wirklich an allem schuld, wie jetzt in den Bör­sensälen gesagt wird? Ich habe den Eindruck, dass bei den Börsenturbulenzen der letzten Tage mehr mit Stim­mungen als mit Tatsachen gehandelt wurde. Vielleicht ist deshalb ein Faktencheck ganz nützlich.

Zunächst zum Wachstum in China. Dass es sich in den letzten Jahren abgeschwächt hat und dass es niedriger ist, als von den Pekinger Behörden behauptet, ist be­kannt. Die Schätzungen gingen bisher von einer Zunah­me der realen Wirtschaftsleistung von 6,5 Prozent bis 7 Prozent in diesem Jahr aus. Nun kamen durch die neuen Zahlen des Einkaufsmanagerindex und die Abwertung des Ren­minbis Befürchtungen auf, die Konjunktur könne noch schlech­ter sein. Die meisten dachten hier an Größen­ordnungen von 5 Prozent.

Es ist nicht auszuschließen, dass es sogar noch schlim­mer kommt. Ein nach dem chinesischen Ministerpräsi­denten Li Kiang benannter Wirtschaftsindex, der den Energieverbrauch, die Kreditvergabe und die Eisen­bahnfrachttonnen erfasst, zeigt inzwischen nur noch ei­ne Zunahme von etwas über 4 Prozent. Das scheint mir aber die Untergrenze zu sein. Für weniger Wachstum gibt es keine Anhaltspunkte. In den chinesischen Apple-Stores liefen die Geschäfte in den letzten zwei Wochen so gut wie nie zuvor in diesem Jahr.

Ein Wachstum von 4 Prozent wäre für ein Land wie China in der Tat wenig. Es ist aber keine Katastrophe, schon gar keine Rezession und kein Grund für einen weltweiten Börsen-Crash. Das Land gehört damit immer noch zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Auch die Wachstumsphantasie ist damit nicht ver­schwunden. Die 1,4 Milliarden Chinesen haben ein Pro-Kopf-Einkommen von kaufkraftbereinigt gerade einmal USD 14.000 pro Jahr. Das ist ein Drittel des Wertes in Deutschland. Da gibt es also noch riesigen Nachhol­bedarf und weitere Wachstumschancen. Internationale Konzerne wären schlecht beraten, China in Zukunft links liegen zu lassen.

Was bedeutet das langsamere Wachstum in China für die Weltwirtschaft? Manche haben hier große Sorgen. Sie verweisen darauf, dass China inzwischen die größte Volkswirtschaft der Welt ist. Es ist in diesem Jahr dabei, Europa in Sachen Bruttoinlandsprodukt zu überholen. Im vorigen Jahr ist es an Amerika vorbeigezogen. Japan hat es bereits zur Jahrtausendwende hinter sich gelas­sen. Siehe Grafik.

Auf der Überholspur - BIP kaufkraftbereinigt in USD Mrd.
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Quelle: IWF

Das alles gilt jedoch nur kaufkraftbereinigt. Solche Zah­len haben keine Relevanz für die Konjunktur. In "ech­ten", nicht kaufkraftbereinigten Zahlen produziert China in diesem Jahr ein Bruttoinlandsprodukt von USD 11.000 Milliarden Wenn das Wachstum um einen Prozent­punkt niedriger ausfallen sollte, dann wäre das rund USD 110 Milliarden weniger. Das entspricht 0,15 Prozent der glo­balen Wirtschaftsleistung. Die Weltwirtschaft würde also nicht um 3,5 Prozent wachsen, sondern vielleicht um 3,3 Prozent oder 3,4 Prozent. Das ist nichts, was die Konjunkturpers­pek­tiven (und die Weltbörsen) umwirft.

Wer von dem niedrigeren Wachstum in China betroffen wird, sind die unmittelbaren Anrainer in Ost- und Süd-ost­asien. Das sind Länder wie Vietnam oder Südkorea. Auch Japan wird belastet. Hinzu kommen die großen Rohstoffproduzenten der Welt, die bisher nach China geliefert haben. Dazu gehören Staaten wie Australien, Brasilien oder Russland. Hier muss man an den Börsen aufpassen.

Schwierig ist es auch für Unternehmen, die sich in den letzten Jahren sehr stark auf den chinesischen Markt konzentriert haben. Ein Beispiel sind die deutschen Au­tobauer. Auch hier sind Kursrückgänge gerechtfertigt.

Die großen Industrienationen USA und Europa sind da­gegen weniger tangiert. Es könnte sogar sein, dass sie per Saldo von dem niedrigeren Wachstum in China pro­fitieren. Denn hier gibt es zwei gegenläufige Effekte. Auf der einen Seite können sie weniger Güter nach China liefern. Das dämpft ihr gesamtwirtschaftliches Wachs­tum. Auf der anderen Seite führt aber der niedrigere Öl- und Rohstoffverbrauch im Fernen Osten zu geringeren Preisen. Das senkt die Kosten der Unternehmen, erhöht die Kaufkraft der Verbraucher und stärkt das Wachstum. Es ist natürlich spekulativ, die beiden Effekte gegenei­nander aufzurechnen. Einen Konjunktureinbruch in den USA und Europa kann man jedoch ausschließen. Diese Staaten sind nach wie vor Fels in der Brandung der Weltkonjunktur.

Und noch ein vielleicht etwas gewagter Vergleich. Wenn die deutschen Exporte nach China wegen des dortigen schwachen Wachstums um 10 Prozent einbrechen sollten, dann macht das ein Minus von EUR 7 Milliarden aus. Das ist weniger als der positive Konjunktureffekt, der sich in die­sem Jahr in der Bundesrepublik durch den Zustrom von Flüchtlingen ergeben wird (rund EUR 10 Milliarden). Auch das spricht gegen einen Wachstumseinbruch oder gar eine Rezession.

Für den Anleger

Von den Fakten her steht der Börsen-Crash auf dünnen Beinen. Es gibt keinen volkswirtschaftlichen Grund für den Einbruch. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass hier Ängste und Befürchtungen der Menschen über ungesunde Verhältnisse an den Finanzmärkten ei­ne Rolle spielen. Wohin diese Gefühle führen, ist schwer einzuschätzen. Niemand kann ausschließen, dass sie das Ende des bald 7-jährigen Zyklus an den Aktien­märk­ten einleiten. Es kann aber auch sein, dass das Ver­trau­en der Investoren sukzessive wieder zurückkehrt und die Kurse wieder nach oben gehen. Kluge Anleger soll­ten sich auf beides vorbereiten.

Deutsche Börse AG, 26. August 2015.

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa – Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

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