Anleihen: Sorgen um globalen Abschwung
21. August 2015. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Griechenland ist abgehakt, jetzt blickt alles gen China: Die Turbulenzen dort führten zuletzt zu heftigen Verlusten an den Aktienmärkten, in den vergangenen zehn Tagen hat der DAX rund 1.200 Punkte abgegeben. „Es war ein rabenschwarze Woche für Aktien“, kommentiert Arthur Brunner von der ICF Bank. Bundesanleihen als sichere Häfen hätten profitiert. „Ein instabiler Aktienmarkt und Konjunktursorgen in China beherrschten das Geschehen“, meldet auch Sabine Tillmann von der Hellwig Wertpapierhandelsbank.
Nach anfänglicher Seitwärtsbewegung in dieser Woche klettert der Euro-Bund-Future, Indikator für die langfristigen Zinserwartungen, am Freitagmittag auf 155,45, vor einer Woche waren es noch 154,58 Prozent. Zehnjährige Bundesanleihen werfen nur noch 0,56 Prozent ab nach 0,66 vergangenen Freitag.
China: Stimmung auf Sechsjahrestief
Aus China kommen immer mehr beunruhigende Signale, am heutigen Freitag wurde bekannt, dass die Stimmung in der chinesischen Industrie im August auf den tiefsten Stand seit März 2009 gefallen ist. Die festlandschinesischen Börsen, die sich zwischenzeitlich etwas stabilisiert hatten, gaben weiter nach. Auch die Rohstoffpreisentwicklung trägt zur Unsicherheit bei. Der Ölpreis fällt und fällt, der Brent-Preis liegt aktuell nur noch bei 46,33 US-Dollar je Barrel. Zudem haben viele Schwellenländerwährungen deutlich an Wert verloren, etwa die türkische Lira oder der brasilianische Real.
Leitzinsanhebung doch nicht im September?
Nicht nur vor diesem Hintergrund ist es wieder unwahrscheinlicher geworden, dass die US-Zentralbank im September die Leitzinsen anhebt. „Im Protokoll der FOMC-Sitzung von Ende Juli wurde zwar deutlich, dass sie mit der heimischen Konjunkturentwicklung sehr zufrieden ist und den Zeitpunkt zur Anhebung des Leitzinses nahe sieht“, erklärt Chris-Oliver Schickentanz von der Commerzbank. Es habe sich aber gleichzeitig herauslesen lassen, dass es mit dem Erreichen des Inflationsziels noch etwas länger dauern könne.
„Das Protokoll unterstützt die Markterwartung, dass die Hürde für eine Zinserhöhung im September weiterhin hoch liegt“, meint sein Kollege Rainer Guntermann. Zudem verstärkten die neuen Tiefstände beim Ölpreis wieder die Disinflationssorgen und verringern die Markterwartungen hinsichtlich der anstehenden Zinserhöhungen der Fed. „Es ist extrem schwer für die US-Notenbank, aus der Nullzinspolitik herauszufinden“, bemerkt Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsgesellschaft. Der Vizepräsident der Notenbank von St. Louis, Stephen Williamson, habe zuletzt darauf hingewiesen, dass es bislang noch niemandem gelungen sei, eine Verbindung zwischen Anleihekaufprogrammen und einer Verbesserung der Realwirtschaft oder der Erreichung der Inflationsziele herzustellen. Das Inflationsziel von 2 Prozent sei trotz massiver Anleihekäufe in immer weitere Ferne gerückt. „Das könnte man auch auf Europa und Japan übertragen“, stellt Daniel fest.
Griechenland-Bonds auf Erholungskurs
Die Entspannung in der Griechenland-Krise ließ die Kurse dortiger Anleihen unterdessen nach oben klettern. Daran konnte auch die gestrige Ankündigung von Neuwahlen nichts ändern. „Tsipras scheint die Mehrheit hinter sich zu haben“, bemerkt Brunner. „Kursgewinne wurden für Verkäufe genutzt“, berichtet Daniel. Auch Tillmann meldet weitere Kursverbesserung bei griechischen Staatsanleihen, ebenso Klaus Stopp von der Baader Bank (WKN A1ZGWQ, A1G1UC). „Es ist allerdings zu beobachten, dass diese Kurssprünge aufgrund rechnerischer Neubewertungen weitgehend nur auf dem Papier stattfinden“, räumt Stopp ein. Wenn überhaupt gehandelt werde, so komme es lediglich im Kleinen zu Positionsbereinigungen. „Ansonsten aber gehen die Marktteilnehmer auf Tauchstation, wenn griechische Anleihen aufgerufen werden.“
Unternehmensanleihen: etwas größere Risikoscheu
Corporate Bonds können sich dem Trend nicht ganz entziehen. „Panik herrscht zwar nicht, es gibt aber schon Abgabedruck bei riskanteren Papieren“, meint Rainer Petz von Oddo Seydler mit Blick auf Hochzinsanleihen. Die Umsätze seien allerdings nicht hoch. Brunner zufolge hat sich der Renditeabstand zwischen Bundes- und Unternehmensanleihen, wie sonst in Krisenzeiten üblich, nicht groß ausgeweitet. „Manche Papiere werden aber schon verkauft, etwa VW Hybridanleihen (WKN A1ZE21).“ Bei Mittelstandsanleihen stünden kleine Verluste bei einigen Papieren Kursanstiegen bei anderen gegenüber. „Katjes ist ein Beispiel.“ Die 2020 fällige Katjes-Anleihe (WKN A161F9) mit einem jährlichen Zins von 5,5 Prozent notiert aktuell wieder bei 107,25 nach unter 105 Prozent vergangene Woche.
Wacklige Emerging Markets-Währungen
Die Schwäche vieler Schwellenländerwährungen führt zu regen Umsätzen mit Fremdwährungsanleihen. Daniel zufolge werden Papiere in türkischen Lira ge- und verkauft (WKN A12TY2, A1SR83). „Manche ziehen lieber die Reißleine, andere sehen das als Chance.“ Die türkische Lira fällt auf immer neue Tiefs gegenüber dem US-Dollar, gegenüber dem Euro wurde jetzt das Rekordtief vom Februar unterschritten. Hintergrund sind die unsichere politische Lage und Sicherheitsprobleme in der Türkei, zudem steht das Land vor Neuwahlen.
von Anna-Maria Borse, Deutsche Börse AG
© 21. August 2015




















