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Hüfners Wochenkommentar: Wird jetzt die EZB infiziert?

12. August 2015. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Hat der Euro unter der Krise gelitten? Die meisten wer­den diese Frage heute mit Ja beantworten. Die Gemein­schaftswährung ist nicht mehr der Fels in der Brandung, der sie einmal sein sollte. Sie hat blaue Flecken bekom­men.

Das ist verständlich. Es ist aber – falsch. Es ist nicht der Euro, der in der Krise unter die Räder gekommen ist. Es ist jemand ganz anderes. Das muss man jedenfalls an­nehmen, wenn man den Meinungsumfragen traut. Die Europäische Kommission befragt seit vielen Jahren die Menschen in der EU über alles Wichtige und Unwichti­ge, was es in Europa gibt. Dazu gehören natürlich auch der Euro und und die Europäische Zentralbank. Das ist das sogenannte Eurobarometer.

Die Ergebnisse dieses Barometers sind überraschend. Die Grafik zeigt in der oberen Linie die Akzeptanz der Gemeinschaftswährung im Euroraum. Sie ist insgesamt hoch und über die Zeit ungewöhnlich stabil. Die untere Linie zeigt das Vertrauen der Menschen in die Europäi­sche Zentralbank. Es war lange Zeit ebenfalls stabil, ist aber nach der Finanzkrise drastisch abgestürzt. Inzwi­schen ist es negativ. Das heißt, dass die Zahl der Kriti­ker an der EZB größer ist als die Zahl der Befürworter.

Als ich die Grafik dieser Tage in einer Studie von Feli­citas Nowak-Lehmann an der Universität Göttingen sah, habe ich es zuerst selbst kaum glauben können. Was bedeutet es?

Die gute Nachricht ist, dass sich der Euro von dem To­huwabohu des Streits mit Griechenland fast gar nicht beeinflussen lässt. Ausgerechnet als die Krise in den letzten zwei Jahren eskalierte, ist das Vertrauen in den Euro gestiegen.

Die Menschen trennen offenbar zwischen den Schwie­rigkeiten in der Währungsunion auf der einen Seite und der Währung, die weiter funktioniert, auf der anderen Seite. Das ist ein gutes Omen. Wir müssen nicht bei je­dem Streit in Brüssel um den Euro fürchten. Es ist ein bisschen wie in den USA, wo auch niemand am Dollar zweifelt, wenn es in Detroit oder in Puerto Rico hoch hergeht.

Der Euro und die EZB
Huefner12082015
Quelle: F. Nowak-Lehmann, Cege Report, eig. Aktualisierung

Interessant ist (was in der Grafik nicht zu sehen ist), dass ausgerechnet in Griechenland das Vertrauen in
die Währung in den letzten Jahren trotz aller Sparpro­gramme gestiegen ist. 2008 hatten per Saldo (Befürwor­ter abzüglich Gegner) nur 2 Prozent der Bevölkerung Vertrau­en in die Gemeinschaftswährung. Heute sind es 40 Prozent. Offenbar wünscht sich eine große Zahl von Griechen den Euro, auch wenn sie die Reformmaßnahmen ableh­nen.

Die schlechte Nachricht: Gelitten unter der Krise hat die Europäische Zentralbank. Sie gilt in den Augen der Men­schen nicht mehr als die geachtete Hüterin der Wäh­rung. Das ist übrigens, wenn man sich die Zahlen näher betrachtet, nicht nur in Deutschland so. In Italien, Frank­reich und Spanien ist das Ansehen der EZB noch stär­ker gesunken.

Das ist eine alarmierende Entwicklung. Wie kann eine Währung auf Dauer existieren, wenn die Zentralbank, die dahintersteht, nicht mehr das Vertrauen der Men­schen genießt? Dass sich die Kurve am aktuellen Rand etwas nach oben dreht, ist nur ein schwacher Trost.

Es liegt nahe, diese Entwicklung mit der Politik der EZB zur Rettung des Euros in Verbindung zu bringen. Die Menschen sind nicht damit einverstanden, dass sich ihre Notenbank in die politischen Händel hat hineinziehen lassen. Vor allem den Deutschen fallen hier viele Dinge ein, die ihnen nicht gefallen.

Bei genauerem Hinsehen steht dahinter freilich noch et­was anderes. Die Eurokrise begann 2010 mit dem ers­ten Hilfsprogramm für Griechenland. Der Absturz des Vertrauens in die EZB setzte jedoch schon zwei Jahre früher ein, nämlich mit dem Kollaps an den internationa­len Finanzmärkten, als noch niemand an Griechenland dachte.

Es war also primär nicht der Euro, der die EZB in den Augen der Menschen diskreditiert hat. Es war die ultra­lockere Geldpolitik mit Nullzinsen und überschäumender Liquidität, die sie seitdem betreibt. Das irritiert die Men­schen. Sie sehen darin die Ursache für ihre Angst vor einer Zerrüttung des Finanzsystems. Mit dieser Politik stand die EZB aber nicht allein da. Alle anderen großen Notenbanken haben das getan. Ich vermute daher, dass auch die Notenbanken anderer Staaten in den letzten Jahren an Reputation verloren haben. Leider gibt es im Eurobarometer dazu keine vergleichbaren Zahlen.

Für den Anleger

Erstens sollte man bei der Interpretation der Zahlen Vor­sicht walten lassen. Dahinter stehen keine objektiven Fakten, sondern Umfragen. Sie können sich auch immer schnell ändern. Zweitens muss der Anleger keine Angst vor einem Zerfall des Euros als Währung haben. Es kann zwar passieren, dass das eine oder andere Land aus der Währungsunion ausscheidet. Das wird die Ge­meinschaftswährung aber nicht kaputt machen. Eine Flucht aus dem Euro ist – zumindest in den stabileren Ländern Zentraleuropas – nicht angebracht. Drittens zeigt die Verschlechterung des Ansehens der Zentral­bank, dass die Zweifel an der Gesundheit des Finanz­systems von vielen geteilt werden. Als Anleger muss man das ernst nehmen. Auch bei vordergründig freund­lichen Finanzmärkten sollte man die Risiken nicht aus dem Blick verlieren. Das ist an sich eine Selbstverständ­lichkeit. Aber man kann sie nicht oft genug sagen. Die Tatsache, dass es in den letzten Jahren alles gut ge-gangen ist, ist kein Beweis, dass das auch in Zukunft
so sein wird.

von Martin Hüfner, Assenagon
© 12. August 2015

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa – Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

RSS-Quelle http://www.boerse-frankfurt.de/de/nachrichten/boerse+frankfurt+news/huefners+wochenkommentar+wird+jetzt+die+ezb+infiziert+87366

   

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