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Hüfners Wochenkommentar: Das vergessene Einkommen

6. August 2015. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Beim regelmäßigen Durchsehen neuer Statistiken stieß ich dieser Tage auf ein paar interessante Zahlen. Sie stammen von der Deutschen Bundesbank. Vor kurzem berichtete sie, dass das Geldvermögen der privaten Haushalte im ersten Quartal 2015 in Deutschland um 140 Milliarden Euro auf 5,2 Billionen Euro gestiegen ist. Der Zuwachs ist schon für sich ungewöhnlich hoch. Norma­lerweise stieg das Geldvermögen in den letzten Jahren lediglich um 50 Milliarden Euro pro Quartal.

Noch bemerkenswerter aber ist, woher der Zuwachs kam. Nur zwei Fünftel davon, nämlich 53 Milliarden Euro, resultierten aus der Ersparnis, die normalerweise die Hauptquelle der Geldvermögensbildung darstellt. Drei Fünftel, insgesamt 87 Milliarden Euro, stammten aus "Be­wertungsänderungen", wie es die Bundesbank in liebenswertem Understatement bezeichnet. Gemeint sind Kurssteigerungen an den Kapitalmärkten.

Diese 87 Milliarden Euro muss man sich auf der Zunge zer­gehen lassen. In den ersten drei Monaten dieses Jahres hatten die privaten Haushalte nicht nur wie immer Ein­kommen aus Löhnen und Gehältern sowie aus Kapital­einkünften, aus Zinsen, Dividenden, etc. Sie waren 3,7 Prozent höher als vor einem Jahr. Allein das war schon beacht­lich. Dazu kamen diesmal aber noch die genannten Kursgewinne bei Aktien und Festverzinslichen. Sie er­höhten das Einkommen der privaten Haushalte noch einmal. Insgesamt machten sie im ersten Quartal 16 Prozent des "normalen Einkommens" aus. Das ist unerhört viel. Wertsteigerungen bei Immobilien sind dabei gar nicht berücksichtigt. Sie würden die Zahl noch weiter nach oben treiben.

Das ist natürlich den besonders guten Kapitalmärkten in dieser Zeit zu danken. Der deutsche Aktienindex DAX erhöhte sich im ersten Quartal um insgesamt 22 Prozent. Die Rendite der Bundesanleihen halbierte sich von 0,55 Prozent auf 0,23 Prozent, was entsprechende Kursgewinne für die An­leger bedeutete. Dazu kam, dass sich der Euro-/Dollar-Kurs um über 10 Prozent abwertete, was die Auslandsanlagen europäischer Investoren entsprechend wertvoller mach­te.

So ein "goldenes Quartal" für Anleger gibt es selten. Die Lage hat im zweiten Vierteljahr sicher auch nicht ange­halten. Vermutlich wird die Statistik für die Monate April bis Juni Kursverluste ausweisen. Man darf hier aber kei­ne zu kurzfristige Brille aufhaben. Seit Ende der Finanz­krise 2008 haben Anleger immerhin Kursgewinne in Hö­he von 190 Milliaren Euro eingefahren. Das sind über die gesamte Zeit gerechnet 1,3 Prozent des Volkseinkommens.

Kursgewinne und Volkseinkommen
Huefner06082015
Quelle: Bundesbank

Angesichts solcher Größenordnungen kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Das Ganze wirft grundsätzliche Fragen auf. Kursgewinne werden volkswirtschaftlich häufig als etwas Suspektes bearg­wöhnt. Sie sind kein Einkommen aus realer Arbeit, sondern beruhen auf Spekulation. Zudem schwanken sie stark. Deshalb werden sie auch nicht in der volkswirtschaft­lichen Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamtes berücksichtigt. Sie sind gewissermaßen "vergessenes Einkommen". Ein solches Pauschalurteil ist meines Er­achtens nicht gerechtfertigt.

Kursgewinne erhöhen wie jedes Einkommen den Wohl­stand der Anleger. Diese können mehr konsumieren. Das ist gut für die Konjunktur. In der Ökonomie spricht man vom Vermögenseffekt. Bei einer Konsumquote von 60 Prozent hätte sich der private Verbrauch im ersten Quartal zusätzlich um 50 Milliarden Euro erhöhen können, das nomi­nale Sozialprodukt um 0,6 Prozent. Das vollzieht sich freilich nicht gleich in demselben Quartal. Es wird sich aber in den kommenden Monaten auswirken. 

Kursgewinne erhöhen auch die Möglichkeiten der Alters­vorsorge. Das ist besonders wichtig in Zeiten niedriger Zinsen, in denen mehr für die Rente zurückgelegt wer­den muss. Leider fallen die Kursgewinne in Deutschland nur zu einem geringen Teil bei Versicherungen und Pen­sionskassen an, da diese vor allem in festverzinsliche Wertpapiere investieren. Deutschland steht internatio­nal bei der Altersvorsorge nicht nur wegen seiner beson­deren demografischen Situation schlechter als andere Länder da. Es setzt bei der Altersvorsorge auch zu we­nig auf Aktien und erwirtschaftet daher weniger Rendite für die Renten. 

Wo die Kursgewinne nicht helfen, ist bei der Einkom­mens- und Vermögensungleichheit, die in der öffent­lichen Diskussion zunehmend kritisch diskutiert wird. Hier verschlechtert sich die Situation sogar noch. Die große Mehrheit der Bevölkerung spart nach wie vor in Form von Spareinlagen bei Banken. Sie erhalten dabei nur einen äußerst geringen Zins und sehen von den Kursgewinnen nichts. Natürlich sind Aktien für Men­schen mit geringerem Einkommen nicht die geeignete Anlageform, weil sie zu viel Risiken beinhalten. Aber durch entsprechende Beratung und durch risikoabge­sicherte Fonds könnte man breite Schichten der Bevöl­kerung stärker an rentablere Anlageformen heranführen.

Für Anleger

Die Zahlen zeigen, wie viel ein durchschnittlicher Inves­tor im ersten Quartal auch bei konservativer Anlage in Aktien und Renten verdient hat. Manche wenden ein, dass es sich hier lediglich um Buchgewinne handelt. Sie schmelzen beim nächsten Börsenabschwung wieder da­hin. Das muss aber nicht so sein. Die Größenordnung, um die es sich hier handelt, müsste ein Impuls für An­leger sein, verstärkt darüber nachzudenken, wie man Kursgewinne dauerhaft sichern kann. Das geht heute nicht nur durch die Realisierung von Gewinnen durch den Verkauf von Wertpapieren. Es geht auch durch den Einsatz von Derivaten. Man verliert dabei zwar etwas an Rendite, gewinnt dadurch aber Sicherheit.

von Martin Hüfner, Assenagon
© 6. August 2015

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa – Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

RSS-Quelle http://www.boerse-frankfurt.de/de/nachrichten/boerse+frankfurt+news/huefners+wochenkommentar+das+vergessene+einkommen+87140

   

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